« In diesem Geist des Staunens entstehen meine Gemälde und Reliefs. Und in dieser Geisteshaltung erschließen sich diese Werke dem Betrachter in ihrer vollen Tiefe. In und durch ein so konzipiertes Werk findet man einen besonderen Raum, um über die eigene Wahrnehmung nachzudenken, die Wahrnehmung selbst zu „wahrnehmen“, insbesondere die Wahrnehmung von Raum. Dies ist der Hauptgrund, warum ich meine Forschung – deren phänomenologische Wurzeln unverkennbar sind – in der Tradition der Konkreten Kunst verorte: Sie ist die einzige Kunstrichtung, die seit ihren Anfängen im Jahr 1930 die Revolution der Verschiebung der Intentionalität im Kunstwerk vom Bezeichneten zum Bezeichnenden, vom Inhalt zum Zeichen vollzogen hat »
HANS JÔRG GLATTFELDER
Geboren 1939 in Zürich, lebt und arbeitet in Basel, Schweiz
Der Schweizer Künstler Hans Jörg Glattfelder zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Vertretern der Konkreten Kunst. Nach zwei Jahren Studium an der Universität Zürich, wo er zunächst Jura, dann Kunstgeschichte und Archäologie studierte – ein Studium, das er 1961 abbrach –, engagierte er sich in einem sozialen Entwicklungsprojekt in Sizilien. Anschließend besuchte er die Akademie der Schönen Künste in Rom und ließ sich 1963 in Florenz nieder. Anfänglich beeinflusst von der Zürcher Konkreten Kunst, inspirierte ihn die strenge Architektur der Florentiner Renaissance zu einer höchst persönlichen Bildsprache.
Nach seinem Studium präsentierte Glattfelder 1966 seine erste Einzelausstellung in der Galerie „Numero“ in Mailand. Gemeinsam mit dem Dichter Claudio Popovich gab er in Florenz die Kunstzeitschrift „Comunicazione“ heraus. In einer Broschüre schlug Glattfelder die anonyme Produktion von Kunstwerken mithilfe industrieller Techniken vor. Er setzte diese Theorie in die Praxis um, indem er pyramidenförmige thermoplastische Elemente herstellte, die er zu farbenfrohen Reliefs zusammenfügte. Im Laufe der Jahre beteiligte sich der Künstler mit seinen auf systematischen Strukturen basierenden Konstruktionen an zahlreichen Gruppenausstellungen der europäischen Konstruktivistenbewegung. 1970 ließ er sich in Mailand nieder.
In der lombardischen Stadt verkehrte er häufig mit den Künstlern Mario Ballocco, Antonio Calderara, Gianni Colombo und Mario Nigro. Sein Interesse am Verhältnis von Kunst und Wissenschaft wuchs; er besuchte die Vorlesungen von Ludovico Geymonat; die Forschungen des Kybernetikers Silvio Ceccato weckten seine Neugierde, mehr über die jüngste Entwicklung des geometrischen Denkens und zeitgenössischer Raumdarstellungen zu erfahren.
Glattfelder pflegt eine besondere Affinität zum Verhältnis von Raum und Fläche, das zweifellos den Kern seiner Kunst ausmacht. Sein Werk offenbart jedoch eine zweite Verbindung: Obwohl er fest in der Tradition der konkreten Kunst verwurzelt ist, scheut er sich nicht, mit der Ordnung zu brechen, indem er die illusionistische Darstellung von Tiefe einführt. Sobald die Schwelle des euklidischen Raums überschritten ist, nehmen seine plastischen Elemente neue Eigenschaften an, indem sie neue Dimensionen annehmen. Dieser Übergang von einer zweidimensionalen zu einer komplexeren räumlichen Struktur findet ein exemplarisches Beispiel in seiner Serie „Nicht-euklidische Metaphern“, die er Ende der 1970er-Jahre konzipierte.
1982 verfasste er eine Broschüre gegen den Kult des Irrationalismus in der zeitgenössischen Kunst und definierte seine eigene Position als „Meta-Rationalismus“. Damit meinte er eine Bildsprache, in der Rationalität gleichzeitig infrage gestellt und als zentrales Thema hervorgehoben wird. Er sah darin einen notwendigen ersten Schritt hin zu einem verlässlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst. 1990 verbrachte er ein Jahr in New York mit einem Stipendium der Stadt Zürich. Dort traf er sich regelmäßig mit Leon Polk Smith. Eine Art Manierismus in Glattfelders konkreter Abstraktion verleiht seinem Werk eine poetische Dimension; das Bild birgt die Gefahr, den Betrachter auf eine unendlich komplexere Interpretationsreise zu führen.
Werke in Museen und öffentlichen Sammlungen
Genfer Kunst- und Geschichtsmuseum
Kunsthaus Zürich
Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt
Josef-Albers-Museum, Bottrop
Museum für Moderne Kunst, Parma
Museum für Moderne Kunst, Turin
Raum für konkrete Kunst, Mouans-Sartoux…
Preis
Gewinner des Nemours-Preises 2023
Eine Auswahl der im Shop erhältlichen Werke
Auswahl der Hauptausstellungen
2021, Zentrum für Kunst und Wissenschaft, Mainz
2020, Rappaz Museum, Basel
2019, Museum für konkrete Kunst, Ingolstadt
2013/14, Haus Konstruktiv, Zürich
2013/14, Vasarely-Museum, Budapest
2010, Kunsthaus-Rehau, Deutschland
2008, Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz
2007, Museum im Kulturspeicher, Würzburg
2006, Museum für konkrete Kunst, Ingolstadt
2004, Espace de l'art Concrete, Mouans-Sartoux
1999, „Konstruktive Metaphern“, Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt
1992, Retrospektivausstellung, Josef-Albers-Museum, Bottrop