J. Albers „Studie zu einer Hommage an den Platz“ 1973

Öl auf Hartfaserplatte, 40 x 40 cm

Formen und Farben

Museum für bedruckte Textilien, Mulhouse

Vom 11. November 2016 bis zum 1. Oktober 2017

„Der gesamte Akt des Malens beruht auf dem Verhältnis der Farben, dem Verhältnis der Formen und dem Verhältnis von Formen und Farben“, schrieb Auguste Herbin (1889–1960).
Wenn dies für die Malerei gilt, so gilt es nach Herbin auch für die Motive, ob expressiv oder dekorativ, die bedruckte Stoffe zieren.
Die Verwendung geometrischer Formen und Farben zielt zunächst darauf ab, ein allgemein verständliches und in allen Bereichen anwendbares Vokabular zu schaffen. Die verwendete Grammatik ermöglicht unendliche Kombinationen, doch gerade in ihrer Einfachheit liegen ihre Grenzen. Die Verwendung von Form und Farbe scheint jedem zugänglich, doch die Ergebnisse variieren, wie beim Schreiben, in ihrer Qualität.
Textildesigner spielten durch ihren Einsatz von Form und Farbe eine Vorreiterrolle im kreativen Prozess.
Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Erfolg der ersten indischen Textilien, die in den Westen gelangten, maßgeblich auf ihre leuchtenden Farben zurückzuführen. Sie bereicherten die Innenräume und die Kleidung der Europäer. Westliche Hersteller übernahmen sie schnell, und sie bildeten die Grundlage für das dekorative Textilvokabular. Natürliche Farben, vor allem Krapp und Indigo, schränkten die kreative Palette ein, doch die Fantasie der Designer kannte keine Grenzen, wenn es um die Entwicklung neuer Designs ging. Diese bildeten die Grundlage für den kommerziellen Erfolg. Das Design musste die Konsumenten ansprechen. Das Angebot musste ständig erneuert werden, und die Designer wurden zu Meistern im Einsatz von Form und Farbe, um die natürliche Realität zu transzendieren.
Ab dem 18. Jahrhundert ließen sie sich vom Unendlich Kleinen inspirieren, das ihnen die Verbesserung der Mikroskope sichtbar machte. Sie schufen abstrakte Stoffe oder Stoffe, die mit zellenähnlichen Modulen bedeckt waren.
Im 19. Jahrhundert beflügelten die Anfänge der Chemie, die Verbesserung der Gravurtechniken und die Verwendung von Wolle ihre Fantasie. Ohne Ideologie, aber aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus, verwendeten sie abstrakte oder geometrische Formen, ließen sich von Bewegung inspirieren und nutzten die dritte Dimension, um kinetische oder konstruierte Stoffe zu schaffen.
Im 20. Jahrhundert griff die moderne Malerei diese Prinzipien auf und führte einen entsprechenden Diskurs, unter anderem durch Maler wie Robert Delaunay (1885–1941), Piet Mondrian (1872–1944), Josef Albers (1888–1976) und Victor Vasarely (1906–1997). In den 1930er-Jahren brachte der Art déco stark grafische, geometrische Stoffe hervor, die die Möbel und die Einrichtung der Zeit ergänzten. In den 1950er- und 60er-Jahren inspirierte die Malerei die Textilwelt durch Strömungen wie die geometrische und lyrische Abstraktion. In den 1970er-Jahren zierte kinetische Geometrie Stoffe. Heute erneuert die farbenfrohe Abstraktion der Street Art das dekorative Vokabular der Textilien.
Manchmal leisten Designer Pionierarbeit und entwerfen avantgardistische Motive. Manchmal kopieren sie einfach Maler oder lassen sich von ihnen inspirieren. So entwarf Yves Saint Laurent beispielsweise 1965 sein legendäres Mondrian-Kleid für seine Herbst/Winter-Kollektion, inspiriert vom berühmten Piet Mondrian, einem weiteren Begründer der geometrischen Abstraktion. Dieses Kleid wurde vielfach kopiert.
Die Ausstellung „Formen und Farben“ lädt Besucher ein, in diese faszinierende, grafische und lebendige Welt einzutauchen, die sowohl spontan als auch konzeptionell ist und in der die Werke großer Meister des 20. Jahrhunderts mit den Kreationen genialer Textildesigner in Dialog treten. In einem eindrucksvoll farbenfrohen und architektonisch gestalteten Ambiente wird der kreative Prozess dieser aufeinanderfolgenden Designergenerationen gebührend hervorgehoben.