Fluchtlinien
Hans Jörg Glattfelder und Gottfried Honegger
Vom 13. September bis zum 18. Oktober 2025
Eröffnung am 13. September um 18 Uhr
Zur Wiedereröffnung im September haben wir uns entschieden, Werke zweier Schweizer Künstler auszustellen: Gottfried Honegger und Hans Jörg Glattfelder. Der Espace de l'Art Concret im Château de Mouans-Sartoux ehrt derzeit seinen Gründer Honegger noch bis März 2026, und Glattfelder stellt demnächst im Arithmeum Museum in Bonn aus (ab Oktober 2025). Wir möchten diese beiden Ereignisse aufgreifen und bieten einen vergleichenden Blick auf diese beiden bedeutenden Vertreter der Schweizer Konkreten Kunst, wobei wir die von ihren Werken aufgeworfenen Fragen beleuchten.
Honegger und Glattfelder entwickelten ihre künstlerische Praxis in Resonanz mit bestimmten Anliegen der Zürcher Schule, nämlich der konkreten Kunst, wie sie von Theo Van Doesburg im Jahr 1930 definiert wurde, während sie sich gleichzeitig allmählich davon distanzierten.
Gottfried Honegger und Hans Jörg Glattfelder vertreten einen Ansatz, in dem Kunst in einen engen Dialog mit Wissenschaft und Philosophie tritt, nicht um Beweise zu liefern, sondern um unsere Wissenssysteme und unsere Weltwahrnehmung zu hinterfragen. Sie plädieren für eine persönliche Wissenskonstruktion, in der der Betrachter aktiv an der Reflexion über die Wirklichkeit, ihre Repräsentationen und ihre Grenzen teilnimmt.
Für Honegger war es essenziell, mit primären, einfachen geometrischen Grundformen zu arbeiten. In seinen Augen repräsentierten sie „das Rohmaterial der visuellen Welt“, die Werkzeuge, durch die sich der universelle Wunsch zu gestalten ausdrückt. Ihn interessierte das Spiel, das wir alle mit dem erleben können, was wir vor Augen und in Händen halten. In seinen Zeichnungen, Skulpturen und Reliefs finden sich geschlossene geometrische Formen, die in ständiger Beziehung zu anderen strengen Formen stehen: Kurven, rechte Winkel und abgegrenzte Farbflächen. Das Nebeneinander dieser Elemente schafft Öffnungen, Übereinstimmungen, die den Wahrnehmungsraum verändern. In seinen Skulpturen beispielsweise konnte der Ausgangspunkt ein einfaches rechteckiges Aluminiumblech sein, das er ausschnitt und anschließend die Schnittkanten faltete. Das Blech blieb gedanklich rekonstruierbar: Man erkennt stets den gemeinsamen Ursprung der Elemente und die Art und Weise, wie die Formen aus dem Ganzen hervorgehen. Der Akt des Schneidens und Faltens offenbart die innere Dynamik der Form und das Beziehungspotenzial, das ein offener Raum freisetzen kann. In ihren Reliefs und Mustern verstärken die durchscheinenden Öffnungen, die die Wand oder das Weiß des Papiers sichtbar machen, diese strukturierte Konstruktion, in der die Formen im Gleichgewicht zu stehen und miteinander in Dialog zu treten scheinen. Davon geht ein Gefühl von Fließfähigkeit und Verbundenheit aus.
Gottfried Honegger interessierte sich sehr für die kreative Dynamik des Zufalls, die er in seinem Werk eingehend erforschte. Beeinflusst von den Reflexionen Jean Arps und der Dada-Bewegung zu diesem Thema, nutzte er häufig Würfel oder computergenerierte Zufallssequenzen, um den kreativen Prozess seiner Werke zu lenken. Durch die Einbeziehung des Zufalls wollte Honegger die allzu sichtbare Handschrift des Künstlers verwischen und dem Betrachter und dessen eigener Erfahrung mehr Raum geben. Der Zufall ermöglicht eine Reaktion: Die Würfel werden geworfen, wir sehen, wohin das Ergebnis führt, und wir entscheiden. Man könnte meinen, unsere Handlungsfähigkeit werde dadurch eingeschränkt, doch im Gegenteil: Sie wird neu belebt, angeregt. Honegger begrüßt diese zufälligen Ereignisse, wählt sie aber aus, rahmt sie ein und ordnet sie. Er lädt die Unordnung ein, um besser zu erkennen, wie Formen zueinander positioniert werden können. Die Integration des Zufalls wird so zu einem Mittel, unsere aktive Rolle im Schöpfungsprozess zu betonen. Hier wird der Betrachter nicht dazu eingeladen, vertraute Formen wiederzuerkennen, sondern selbst Beziehungen und Verbindungen herzustellen. Wie Honegger sagte, „sollte nicht die Geometrie im Vordergrund stehen“, sondern der kreative Prozess, ein Mechanismus, der aktiviert werden muss.
Honegger war ein überzeugter Humanist, der sich für die enge Verbindung von Kunst und Leben einsetzte und sich für mehr Zusammenhalt und Zugänglichkeit starkmachte. Kunst sollte seiner Ansicht nach einen zentralen Platz in der Gesellschaft einnehmen und ein möglichst breites Publikum erreichen. Daher schuf er zahlreiche Werke im öffentlichen Raum, darunter monumentale Skulpturen. Gemeinsam mit seiner Frau Sybil Albers gründete er 1990 den Espace de l'Art Concret (Raum für Konkrete Kunst) im Château de Mouans-Sartoux und vermachte die Sammlung 2002 dem französischen Staat. Der Espace de l'Art Concret führt diese Vision bis heute fort, insbesondere durch die Entwicklung von Bildungsangeboten für Kinder, denn der Zugang zu künstlerischem Schaffen und zur Reflexion von klein auf war Honegger ein wichtiges Anliegen.
Hans Jörg Glattfelder lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen grundlegenden Punkt: Die Formen und Strukturen, mit denen wir die Welt darstellen oder konstruieren, beruhen auf überlieferten räumlichen Konventionen, insbesondere der euklidischen Geometrie, die nicht immer mit der Realität übereinstimmen. Sein Werk verortet sich genau in diesem Bereich, in dem unsere Gewissheiten ins Wanken geraten. Seit Elementen (um 300 v. Chr.) basieren unsere Darstellungsgewohnheiten auf einer idealisierten Geometrie, in der Linien gerade und Flächen vollkommen eben sind. Doch unsere reale Welt entzieht sich dieser Strenge: Die Erde ist keine perfekte Kugel, die Raumzeit krümmt sich unter dem Einfluss der Schwerkraft, und auf mikroskopischer oder kosmologischer Ebene reicht die klassische Geometrie nicht mehr aus, um die Realität zu beschreiben.
Ab 1977 entwickelte Glattfelder Werke, die unsere Wahrnehmung herausforderten. Er nannte sie „nichteuklidische Metaphern“. Seine Gemälde transzendierten die einfache Flächigkeit und eröffneten uns ambivalente, schwer fassbare, aber dennoch unbestreitbar präsente Räume. Wir sehen uns Vierecken gegenüber, die aus Liniennetzen oder geometrischen Formen bestehen, mit variierenden Farben, Abständen, Transparenzen, Reliefs und Krümmungen, die in ihrer unerwarteten Anordnung ein Gefühl von Schwindel hervorrufen. Unser Blick kann die Elemente und ihre Grenzen nicht mehr wie gewohnt erfassen. Diese Objekte, denen ein erkennbares Modell fehlt, erzeugen dennoch einen starken Eindruck von Präsenz – zwischen unendlichen Öffnungen, die im Raum wirbeln, und dem ständigen Wechselspiel zwischen Flächigkeit und Tiefe.
Die Metapher ist in erster Linie ein sprachlicher Mechanismus: Sie verbindet zwei Elemente zu einer neuen Bedeutung. Doch lassen sich Metaphern auch mit Formen schaffen, die nichts Erkennbares darstellen und sich jeder Figuration entziehen? Glattfelder lädt uns gerade dazu ein, diese formalen Widersprüche – wie eine Linie, die gleichzeitig gerade und gekrümmt erscheint – zu nutzen, da sie metaphorische Wirkung entfalten können. Sie führen uns dazu, einen Raum zu imaginieren, der nicht mehr den vertrauten Regeln der Geometrie folgt. Es geht nicht um Illusionismus, der das Auge durch die Darstellung von etwas Vertrautem und Identifizierbarem täuschen will. Illusionen spielen mit der visuellen Wahrnehmung, während Metaphern zur Interpretation auffordern. Glattfelders Werke bieten weder einen Trompe-l’œil-Raum, in dem man erraten könnte, was erkennbar ist, noch einen Raum, der sich wissenschaftlich erklären lässt. Vielmehr laden sie uns ein, unsere Perspektive zu verändern: anders hinzusehen, jenseits der üblichen geometrischen Bezugspunkte. Es geht darum, das sichtbar zu machen, was die reine Logik transzendiert und sinnlich erfahren wird.
Gottfried Honegger und Hans Jörg Glattfelder schaffen Werke, die beständig zwischen mentaler Projektion und sinnlicher Wahrnehmung changieren. Ihren Arbeiten fehlt ein fester Bezugspunkt; sie scheinen zwischen Wandoberfläche und Raumtiefe zu schweben. Beide distanzieren sich von der Zürcher Schule, indem sie die strikte Regel des rechten Winkels aufgeben. Durch die Integration von Bewegung und Zufall eröffnen sie der visuellen Erfahrung eine zeitliche Dimension. Im Raum zu gestalten bedeutet, sich seiner Ausdehnung jenseits des Sichtbaren bewusst zu sein.