Herangehensweisen an die Farbe

Nicholas Bodde, Hans-Jörg Glattfelder, Gottfried Honegger, Sigurd Rompza

Vom 17. März bis zum 5. Mai 2018

Die von der Galerie Lahumière organisierte Ausstellung „Ansätze zur Farbe“ vereint vier Künstler verschiedener Generationen: Gottfried Honegger (1917–2016), Hans-Jörg Glattfelder (1939), Sigurd Rompza (1945) und Nicholas Bodde (1962). Sie leben und arbeiten in der Schweiz und in Deutschland und praktizieren eine geometrische, rationalistische oder konkrete Abstraktion. Ihre künstlerischen Ansätze, die sich oft auf formale Theorien stützen, aber auch in Naturwissenschaften und Mathematik verwurzelt sind, konzentrieren sich insbesondere auf das Phänomen der Farbe in ihrem Verhältnis zu Raum und Licht. Diese Forschung steht im Einklang mit der Zürcher Konkreten Kunst und insbesondere mit Max Bill, der bereits 1949 erklärte: „Wir nennen jene Kunstwerke Konkrete Kunst, die nach einer Technik und nach eigenen Gesetzen geschaffen werden – ohne sich auf äußere Mittel der sinnlichen Natur oder ihrer Transformation zu stützen, das heißt ohne den Eingriff eines Abstraktionsprozesses. Die Mittel dieser Verwirklichung sind Farben, Raum, Licht und Bewegung. Indem diesen Elementen Form gegeben wird, entstehen neue Realitäten, und abstrakte Ideen, die zuvor nur im Geiste existierten, werden in konkreter Form sichtbar gemacht.“.

Für Gottfried Honegger sind diese grundlegenden Fragen untrennbar mit einem gesellschaftlichen Kunstverständnis verbunden, das sein künstlerisches Engagement stets prägte. In der Tradition des Werkbundes vertrat er die Überzeugung, dass Kunst kein Selbstzweck sei, sondern eine Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung spiele: „Die Kunst muss ihren vergoldeten Rahmen verlassen und sich in den Raum integrieren (…) Die Kunst muss ihren Sockel verlassen und Teil des Alltags werden“, erklärte er. Aus dieser Perspektive heraus entspricht die Relieftechnik dem Wunsch, den virtuellen und fiktiven Raum des Staffeleibildes zu verlassen und in den realen Raum einzutreten. So eliminieren Gottfried Honeggers Metallreliefs die Materialität des Gemäldes und ersetzen sie durch die glatte und anonyme Oberfläche lackierter Farbe. Mit ihren feinen kreisförmigen oder rechteckigen Ausschnitten treten diese Reliefs in den Raum des Betrachters ein und erzeugen subtile Licht- und Schattenspiele, die die Materialität des Kunstwerks unterstreichen.

Diese Reflexionen über den Status des Kunstwerks, den Kontext seiner Präsentation und die Rolle des Betrachters sind auch für Hans-Jörg Glattfelder von zentraler Bedeutung. Seine systembasierten Arbeiten, die aus seiner umfassenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft hervorgegangen sind, sollen, wie er erklärt, „einen privilegierten Raum zur Reflexion über die eigene Wahrnehmung, zur ‚Wahrnehmung der Wahrnehmung‘, insbesondere der Raumwahrnehmung“, bieten. Mit der 1984 begonnenen Serie „Nicht-euklidische Metaphern (NEMs) als Mutationen“, in der er das Phänomen der Farbinteraktion innerhalb programmierter Strukturen erforschte, führte Glattfelder die Perspektive und die illusionistische Darstellung von Tiefe in die Abstraktion zurück. Durch diese Verbindung von Abstraktion und Illusion, Flächigkeit und Tiefe erzeugen Glattfelders Werke visuelle Spannungen zwischen Raum und Oberfläche.

Sigurd Rompza drückt den Wunsch aus, sich auf ebenso radikale wie einzigartige Weise auf das Sichtbare zu konzentrieren, indem er seit 1985 Fragen der Farbwahrnehmung in ihrem Verhältnis zum Licht erforscht. Seine Reliefs, die er „Wandobjekte“ nennt, untersuchen die Mechanismen des Sehens, indem sie den Blick des Betrachters aktiv einbeziehen. Der Künstler, der stets eine Doppelkarriere als Maler und Theoretiker verfolgt hat, hinterfragt, wie er es ausdrückt, „den Akt des Sehens“ und entwickelt komplexe, für ihn höchst spezifische Formen: Reliefs mit abgeschrägten Kanten, Reliefs mit konkaven Formen, Reliefs, die mit den Effekten von Perspektive, schrägen Winkeln und Symmetrie spielen. Ihre Oberflächen erforschen wiederum den Wechsel von matten und glänzenden Bereichen, den kontrastierenden Einsatz von hellen und schwarzen Farben sowie positiven und negativen Formen. Mit diesen „Wandobjekten“, die vom Betrachter eine ständige Anstrengung der Sehschärfe verlangen, erinnert uns Rompza daran, dass „das Geheimnis, das wir so gerne beschwören und das wir als konstitutives Element der konkreten Kunst fordern, meiner Meinung nach nichts anderes ist als das bildnerische Spiel, das sich im Akt des Sehens verwirklicht.“.

Nicholas Boddes Umgang mit Farbe ist intuitiver und basiert auf direkter Erfahrung. Der Künstler erforscht das Phänomen der Chromatik, indem er Farbe in aufeinanderfolgenden Schichten auf Aluminiumoberflächen aufträgt. Die Farbbänder koexistieren in besonders lebendigen, kontrastreichen und originellen, mitunter sogar grellen Kombinationen. Je nach gewähltem Format – rechteckig, kreisförmig oder elliptisch – und je nachdem, ob er die Energie der Schräge oder die Statik der Horizontalen nutzt, variiert die Wirkung stark: Man empfindet Spannung und Dynamik oder im Gegenteil Ruhe und Gelassenheit. Bodde erzeugt zudem Variationen der Leuchtkraft auf der Oberfläche seiner Werke, indem er mit unterschiedlichen Breiten und Dicken spielt und die Wirkung von mal glatten, mal körnigen Texturen untersucht. Durch seine großformatigen Arbeiten lässt der Künstler den Betrachter in das Phänomen der Farbe selbst eintauchen, und die Stärke seiner Werke liegt sowohl in ihrer inneren Dynamik als auch in der Verbindung zur Außenwelt.

Domitille d'Orgeval