Einzigartig, vier Frauen in geometrischer Abstraktion

Ode Bertrand, Marcelle Cahn, Isabelle de Gouyon Matignon, Aurelie Nemour

Vom 12. Januar bis zum 23. Februar 2019

„Keine Malerei beeinflusste mein Studium, meine Arbeit oder mein Leben. Ich war zu weit von der damaligen Forschung entfernt. Ich vertiefte nur meine Einsamkeit“,
schrieb mir Aurélie Nemours im November 2005. Wenige Wochen später starb sie. Sollten wir diese Worte als Worte an der Schwelle zum Leben verstehen oder als den Weg jedes Künstlers und vielleicht sogar jedes Menschen? Dieser Ausdruck, „die eigene Einsamkeit vertiefen“, erinnert uns daran, dass Aurélie Nemours auch Dichterin war und erhält in dieser Ausstellung eine besondere Bedeutung.

Die vier Künstlerinnen – oder sollten wir besser sagen: vier Künstlerinnen? –, die von der Galerie Lahumière präsentiert werden, verbindet die klare und geordnete Bildsprache der konkreten und minimalistischen Kunst. Doch jede von ihnen beschreitet einen anderen Weg. Fast ein Jahrhundert trennt die frühen Werke von Marcelle Cahn, darunter die hier ausgestellte Straßenbahn von 1925, von den späteren Werkreihen von Ode Bertrand und Isabelle de Gouyon Matignon. Man könnte daher geneigt sein, Marcelle Cahn und Aurélie Nemours – geboren 1895 bzw. 1910 – als Pionierinnen im Vergleich zu ihren jüngeren Kolleginnen (geboren 1930 und 1964) zu betrachten. Doch dem ist nicht so. Alle vier sind Pionierinnen, insofern sie Neuland betreten und dort ihre eigenen Welten erschaffen; jedes Werk ist ein Terra incognita.
Aurélie Nemours’ Gemälde, in denen die vollkommene Einheit von Hintergrund und Form kraftvolle optische Effekte entfaltet, die durch die gewählten Farben entstehen (Iphigenia, 1971; Astyanax, 1973), erinnern an jene von Marcelle Cahn. In ihren Werken ist der Hintergrund nicht mehr mit der Form verbunden, sondern im Gegenteil, sein reines Weiß dient als Bühne für Harmonien freier und dynamischer geometrischer Elemente, wie ein konstruktivistisches Ballett. So erscheinen uns Marcelle Cahns Reliefs und Reliefs wie Sternbilder, durch die der Blick schweift, während er in Aurélie Nemours’ Werk von den Farben gefesselt, fast hypnotisiert, auf der Leinwandoberfläche gehalten wird.
Ebenso bieten Isabelle de Gouyon Matignons Skulpturen – zwischen Balance und Ungleichgewicht, zwischen Stärke und Zartheit, insbesondere in ihren jüngsten Entwicklungen aus perforiertem Stahl – einen fruchtbaren Boden für Ode Bertrands neueste Serie, die sich dem Falten widmet. Der Raum, den Isabelle de Gouyon Matignons Skulpturen einnehmen, dehnt sich in unseren physischen Raum aus und führt uns, durch gedankliche Konstruktion, in den von Ode Bertrand.
Zwischen diesen vier Künstlerinnen scheinen die Kombinationen unendlich und frei von jeglicher Vorstellung von Zeit oder Geschlecht, denn es muss betont werden, dass die geometrische Abstraktion von ihren Anfängen an viele Frauen in ihren Reihen hatte – eines der Zeichen ihrer Universalität.
So zeigt die Ausstellung „Particulières“ durch die Zusammenführung dieser vier Künstlerinnen, dass die konkrete Kunst eine Bewegung reich an einzigartigen Ausdrucksformen ist, aber auch eine sich ständig weiterentwickelnde Bewegung, die scheinbar keine zeitlichen Grenzen kennt.
Tatsächlich waren und sind diese vier Künstlerinnen durch nichts eingeschränkt. Sagt Ode Bertrand nicht, dass die einzige Grenze die ist, bis zu der ihre Hand zeichnen kann? Und Isabelle de Gouyon Matignon konzipiert ihre Skulpturen auf eine völlig empirische Weise; sie entspringen allein ihrer Fantasie, sodass auch hier keine Grenzen bestehen. Jede von ihnen wusste und weiß, wie sie ihre Einsamkeit vertiefen kann, um die Welt zu erobern, unsere Welt, uns, die wir keine Künstler sind.

Unerschrocken vor Worten, selbst vor Wortspielen; in „Lahumière“ meinte man beinahe „Licht“ zu hören; der Künstler muss weiterhin ein Leuchtfeuer sein, das Ordnung in das Chaos der Welt bringt.
„Man muss das Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären“, schrieb Nietzsche im Prolog zu Also sprach Zarathustra. Ja, für Künstler ist der Weg ein einsamer, und für uns, in der Ausstellung „Particulières“, tanzen Formen und Farben.

Céline Berchiche

21. November 2018