Resonanzen

Sophie Coroller und Ode Bertrand

Vom 11. Januar bis zum 1. März 2025

Unsere neue Ausstellung vereint die Werke von Sophie Coroller und Ode Bertrand. Was diese beiden Künstlerinnen verbindet, ist vielleicht vor allem ihre Weltsicht, geprägt von Entschlossenheit, Akribie und Präzision. Jede entwickelt eine einzigartige Bildsprache und etabliert ihre eigenen Regeln, methodische Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie unermüdlich forscht und experimentiert. Ihr Ansatz, bemerkenswert streng und präzise, ​​birgt dennoch ein Geheimnis: Ihre Werke verströmen eine undefinierbare Aura, eine Art schwebende Unruhe, die den Blick fesselt und in sich aufnimmt. Diese Dichte und visuelle Kraft werden jedoch durch ein minimales und raffiniertes Element erreicht: die Linie. In ihren Gemälden setzt und verwebt Ode Bertrand die Linie und schafft so Kompositionen, die wie Partituren wirken. Jede Linie, jeder Zwischenraum, jedes Intervall trägt zur Harmonie eines Rhythmus bei, der sich allmählich zwischen Spannung und Ruhe einstellt. Ihre Werke sind Spielwiesen für das Auge, in denen sich die Seele des Betrachters im Gewirr der Linien verlieren und doch von ihrer geordneten Struktur geleitet werden kann. Sophie Coroller erforscht in ihren Drahtreliefs und -skulpturen das Thema Balance. Straffe Linien scheinen jeden Moment in den Raum zu springen. Ihre Arbeiten erinnern an die vorsichtige Dynamik einer Pirouette im klassischen Tanz: ein fragiler Zustand des Gleichgewichts. Ihre Werke sind von lebendigen Linien durchdrungen, die unter Spannung die Schwerkraft zu überwinden scheinen und eine Ahnung von latenter Bewegung vermitteln.

Es ist schwierig, die Werke dieser beiden Künstler auf den ersten Blick zu erfassen: Sie scheinen uns zu rufen und unsere konzentrierte, anhaltende Aufmerksamkeit zu fordern. Beide schaffen eine einzigartige Zeitlichkeit im Raum, in der sich Schichten und Dimensionen überlagern und miteinander interagieren. In ihrer Serie „Slate“ spannt Sophie Coroller winzige Federn und umwickelt ein dünnes Edelstahlrohr mit Leinenfaden, wodurch filigrane und dynamische Strukturen entstehen. In ihrer Serie „Mini-Grids“ überlagert sie ein durchbrochenes Netz aus aufgewickelten Kohlenstoff- oder Glasfasern und Seidenpapier. Die Sorgfalt, Präzision und Wiederholung einer Geste, die im kreativen Prozess viel Zeit und Konzentration erforderte, beeinflusst die Wahrnehmung des Betrachters unweigerlich. Diese zeitliche Dichte ist in jedem Detail spürbar. Auch Ode Bertrand irritiert die Wahrnehmung durch die Anhäufung von Linien, die methodische Wiederholung von Motiven und die Nähe von Elementen, die beinahe zu verschmelzen scheinen. Seine Arbeiten versetzen den Betrachter in ein ständiges Wechselspiel zwischen Ordnung und Verwirrung. Gilles Deleuze beschrieb diese Schichtung mit dem Begriff der „ Kristallzeit“, einer Struktur, in der Vergangenheit und Gegenwart koexistieren und sich gegenseitig spiegeln wie die Facetten eines Kristalls. Im Gegensatz zu einer linearen Zeitauffassung fungieren die Werke beider Künstler als zeitliche Blöcke, die zugleich ihren Entstehungsprozess und ihre unmittelbare visuelle Wirkung offenbaren.

Für Ode Bertrand geht die Linie über ihre scheinbare Linearität hinaus: Sie zeichnet einen Pfad nach, mal gewunden, mal labyrinthisch. Sie verbindet und trennt zugleich und strukturiert rhythmische Kompositionen, die zwischen Opazität und Transparenz, Leere und Fülle changieren. Vor seinen Gemälden ist der Betrachter eingeladen, innezuhalten, zurückzutreten und das Ganze zu erfassen, um sich dann wieder zu nähern, als wolle er dem vom Künstler vorgezeichneten Weg folgen. Die Anordnung der Linien, die Präzision der Schwarz-Weiß-Kontraste erzeugen nicht einfach Gegensätze. Im Gegenteil, sie schaffen eine subtile Harmonie, eine Resonanz, in der Zwischenräume sichtbar werden, Räume, die zugleich dicht und schwebend sind.

In Sophie Corollers Werk wird die Linie gedehnt, verlängert und aus sorgfältig ausgewählten Materialien geformt. Diese Materialien – Kohlenstoff, Glas, Edelstahl – werden niemals zufällig gewählt. Jedes besitzt spezifische Eigenschaften und Grenzen, mit denen sich die Künstlerin in ihrer künstlerischen Vision auseinandersetzt. Oft mit imposanten Konstruktionen assoziiert, erhalten diese Materialien in ihren Händen eine unerwartete Zerbrechlichkeit. Sophie Coroller reduziert sie auf ihre zarteste Form: die Finesse einer Linie, beinahe an der Grenze des Widerstands. In diesem Paradoxon inszeniert sie filigrane, prekäre Strukturen und verankert sie im Raum am kleinsten Gleichgewichtspunkt. Aus diesen Balancen entstehen Werke, die sich erheben und die Grenzen von Wand oder Sockel überwinden wollen. Diese Arrangements, auf der Suche nach neuer Freiheit, scheinen abheben zu wollen und den Raum mit Leichtigkeit und Spannung zu erfüllen.

Die Werke dieser beiden Künstlerinnen scheinen Wege zu zeichnen, die bewegte Linie weist eine Richtung. Gaston Bachelard bringt diesen Gedanken in *Luft und Träume* zum Ausdruck, und er scheint mit ihrem Ansatz übereinzustimmen: „Denjenigen, die die anmutige Linie betrachten, eröffnet sich mit dynamischer Fantasie die kühnste Idee: Du bist es, Träumer, der die Anmut erschafft.“ Ode Bertrand und Sophie Coroller, mit unterschiedlichen Sensibilitäten und Herangehensweisen, führen den Betrachter durch subtile Räume, in denen die Linie zu einem fast unmerklichen Pfad wird, der zu Stille, Selbstreflexion und einer Form der Erhebung führt.